CMD einfach erklärt! Wie gehe ich vor in der Praxis?

Aktualisiert: Nov 11



Was ist CMD?


Das Kürzel “CMD” steht für den medizinischen Ausdruck “Craniomandibuläre Dysfunktion”. Cranium ist dabei der medizinische Begriff für Schädel und Mandibula bezeichnet den Unterkiefer. Dysfunktion bedeutet zu deutsch Fehlfunktion und meint in diesem Fall ein Ungleichgewicht zwischen Schädel und Kiefer.


Dieses Ungleichgewicht hat niemals nur eine einzige Ursache, sondern ist in der Regel das Ergebnis einer Verkettung mehrerer Probleme.


Die Ursache kann direkt an den Zähnen liegen. Auslöser können vielfältig sein, wie zum Beispiel ein falscher Biss sein, eine lange Zahnbehandlung, Zahnersatz, eine kieferorthopädische Behandlung oder eine Zahnentfernung.


Ganzheitlicher Therapieansatz bei CMD


Es können aber auch ganz andere Ursachen für die Kieferprobleme verantwortlich sein. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise ist daher sehr wichtig, denn der gesamte Körper kann bei CMD eine Rolle spielen.

Ich nutze hier gerne die Analogie vom kaputten Fahrradschlauch: Du musst alle Löcher flicken, damit du weiterfahren kannst. Es reicht nicht aus, nur das größte Loch zu flicken - das wird das Problem nicht lösen. Die Luft entweicht trotzdem durch die anderen kleinen Löcher.

Man muss also sorgfältig jedes Loch finden, egal wie klein, damit du weiterfahren kannst.

Darum ist eine gründliche Anamnese für die Ursachenfindung unumgänglich, um abzuklären: Liegt es am Kauorgan selbst oder gibt es andere körperliche Auslöser?

Bei der Therapie ist es wichtig, als Zahnarzt über den Tellerrand hinaus zu blicken.


Der Kiefer ist extrem stressempfindlich


Fun Fact: Der Kaumuskel ist der stärkste Muskel im menschlichen Körper. Er kann eine Beißkraft von bis zu 500 kg aufbringen. Diese enorme Leistung ist möglich, weil der Kiefer eine sehr ausgeklügelte mechanische Aufhängung seiner Muskeln hat.

Hauptursache für eine CMD ist häufig Stress. Der Volksmund redet nicht umsonst davon, dass man in stressigen Situationen die “Zähne zusammenbeißen” oder sich “durchbeißen” muss. Der mentale Druck in einer Stressphase wird häufig abgebaut, indem nachts mit den Zähnen geknirscht oder gepresst wird. Das übt einen hohen Druck auf das Kausystem aus. Bei der enormen Kraft unserer Kaumuskeln kann das über längere Zeit zu Störungen führen.



Ablauf der CMD-Therapie


Schritt 1: Anamnese

Eine CMD kann viele Ursachen haben, daher ist die gründliche Anamnese von großer Bedeutung. Dabei wird der Patient sehr detailliert befragt, um den allgemeinen Gesundheitszustand festzustellen und bestehende Erkrankungen oder andere Probleme zu identifizieren. Wann haben die Kieferbeschwerden begonnen? Gab es Auslöser im Alltag oder Einflussfaktoren? Wie ist die Verdauung des Patienten? Gab es Operationen, kieferorthopädische Zahnbehandlungen oder Zahnersatzbehandlungen?


Als Zahnarzt betrachtet man hier nicht nur die Zahnproblematik, sondern das komplette Leben des Patienten um herauszufinden, wie das persönliches Stresslevel ist. Die psychologische Komponente spielt häufig eine wichtige Rolle, wenn sich Beschwerden im Kausystem entwickeln.


Schritt 2: Zahnbefund

Das kennen viele vom Zahnarztbesuch: Beim der Aufnahme des Zahnbefundes gehen wir jeden einzelnen Zahn durch: Gibt es Füllungen oder Zahnersatz, liegen Karies oder Entzündungen vor? Klinische Auffälligkeiten müssen vor der CMD-Therapie behandelt werden.


Schritt 3: CMD-Kurzcheck

Zähne: Bei der Prüfung, wie stark die CMD ausgeprägt ist, betrachten wir zuerst die Zähne. Gibt es Schliffspuren vom Knirschen?

Mundöffnung: Der Grad der Mundöffnung wird getestet. Es gibt eine Richtlinie dafür, wie weit ein gesunder Mensch den Mund öffnen kann. Bei Verdacht auf CMD wird also geprüft, wie weit der Patient den Mund schmerzfrei öffnen und ob man den Grad der Öffnung manuell verstärken kann.

Gelenke: Die Kiefergelenke werden abgetastet und es wird geprüft, ob es Schmerzen beim Öffnen oder Schließen gibt.

Muskeln: Gibt es Verspannungen oder schmerzhafte Punkte in der Kaumuskulatur?

Bewegungsabweichungen: Weicht der Kiefer zu einer bestimmten Seite ab? Knackt oder reibt es beim Öffnen oder Schließen?

Die Untersuchung liefert relativ schnell ein Ergebnis, wie stark und ob eine CMD ausgeprägt ist.


Schritt 4: Statikanalyse

Bei der Statikanalyse wird ermittelt, woher das Problem kommt. Wenn der Befund eindeutig vorliegt, prüfen wir, ob das Problem aus dem Kiefer selbst kommt oder aus anderen Körperbereichen.

Wir betrachten den Patienten von hinten, ob beispielsweise eine Schulter höher steht, als die andere. Die Kopfdrehung wird darauf getestet, ob es Bewegungseinschränkung gibt. Außerdem wird geprüft, ob eine Kopfrückbeuge maximal möglich ist. Falls es hier Einschränkungen gibt, ist das ein Hinweis darauf, dass das Problem aufsteigend ist. Das bedeutet, dass es mögliche Ursachen im unteren Körper gibt, die sich auf den Kiefer auswirken.

Um einzugrenzen, ob die Ursache im Kiefer selbst liegt, werden die gleichen Tests im Sitzen durchgeführt. Dabei darf der Patient mit den Füßen nicht den Boden berühren. Dadurch stellen wir sicher, dass Becken, Beine und Lendenwirbelsäule stabilisiert sind und als Einflussfaktoren aus der Prüfung rausgenommen werden. Wenn die Bewegungseinschränkungen im Sitzen noch stärker ausgeprägt sind, dann kann man davon ausgehen, dass die Problematik auch absteigend vorhanden ist, dass also der Kiefer sich umgekehrt auch auf den Rest des Körpers auswirkt. Funktioniert die Bewegung im Sitzen besser, ist das ein Hinweis, dass zwar Verspannungen im Kiefer vorliegen, diese aber vermutlich eine Kompensation aus anderen Körperblockaden sind.

Nach der Statikanalyse kann man eingrenzen, ob die Ursache nur am Kiefer liegt oder ob ein aufsteigendes Element, also der restliche Körper, Auslöser sein kann. Oftmals ist eine Kombination verschiedener Ursachen auch hier vorhanden.

Schritt 5: Plättchentest

Bei diesem Test lassen wir den Patienten auf ein Aufbissplättchen beißen. Dann wird geprüft, ob der Kopf mit dem Plättchen zwischen den Zähnen besser gedreht oder nach hinten gebeugt werden kann. Wenn das der Fall ist, kann man davon ausgehen, dass eine Änderung am Kiefer die Bewegungsfähigkeit und die Beschwerden positiv beeinflussen kann. Als Therapie kommt daher eine Schiene infrage, die optimal für den Patienten und dessen Statik angepasst wird.


Schritt 6: Physiotherapie

Vor der Herstellung einer CMD-Schiene ist die Kooperation mit speziellen Physiotherapeuten wichtig. Bei der Physiotherapie werden Ursachen gesucht und Blockaden in anderen Körperbereichen gelöst. Es werden Muskeltests durchgeführt, mögliche Beinlängendifferenzen gemessen und viele weitere mögliche Ursachen abgeklopft. Die Schiene wird erst dann vermessen, wenn sämtliche Dysbalancen gelöst sind. Der Zahnarzt arbeitet hier in enger Abstimmung mit dem Physiotherapeuten.


Schritt 7: Schiene

Bei der Herstellung einer CMD-Schiene wird der Kiefer des Patienten mit 3 - 4 Griffen manuell entspannt. Wir müssen die Kiefermuskulatur für den Mundschluss lockern mit dem Ziel, den Kiefer in eine möglichst entspannte Position zu bringen. Diese Position soll in die Schiene übertragen werden. Nach dieser Kieferrelaxierung beißt der Patient auf ein JIG-Aufbissplättchen für die Frontzähne. Damit erstellt man eine sogenannte Zentrikbissnahme.

Wichtig ist die Ermittlung der Oberkieferposition. Das Programm “Planesystem” ermittelt nach der natürlichen Kopfposition die Lage des Oberkiefers, damit die Schiene so exakt wie möglich passt.

Anschließend wird die Schiene im Labor mittels eines Kieferbewegungssimulators hergestellt.

Danach wird mit Muskeltests der Effekt der Schiene geprüft. Dazu haben wir in der Praxis eine physiotherapeutische Liege. Wir sehen uns beispielsweise an, ob bei zusammengebissenem Kiefer eine funktionelle Beinlängendifferenz auftritt - dann haben wir ein Ungleichgewicht in der Bisssituation. Wir testen auch die Kopfdrehung mit und ohne Schiene. Außerdem gibt es den Atlas-Test; dieser ermittelt, ob der große Beinmuskel im Liegen richtig funktioniert. Falls nicht, ist das ein Hinweis auf eine Problematik im Atlaswirbel, die durch den Kiefer verursacht werden kann. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Tests, die alle bei der Schienenherstellung zu beachten sind.


Hinweis: Die Herstellung einer CMD-Schiene wird nicht von den Krankenkassen gedeckt. Im Bewertungsmaßstab der gesetzlichen Krankenkassen ist lediglich eine Knirscherschiene enthalten, die kaum Vermessungen zulässt. Es wird zwar auch eine individuell adjustierte Schiene übernommen, allerdings ist die Honorierung so gering, dass es uns Zahnärzten nicht möglich ist, uns die Zeit zu nehmen, die wir bräuchten. Die ganzheitliche Therapie erfordert viel Zeit gemeinsam mit dem Patienten für Statikanalyse und Muskeltests, sowie die Zeit für die Kooperation mit Physiotherapeuten und Osteopathen. Zudem ist es mit den Terminen für Schienenanpassung und dem Einsetzen der Schiene nicht getan, denn es bedarf einer regelmäßigen Kontrolle und Anpassung.

Dieser Aufwand erfordert die Zuzahlung des Patienten, denn die individuelle Therapie und gründliche Betreuung und Untersuchung können wir im gegebenen Rahmen leider nicht leisten. Eine reine Knirscherschiene eignet sich nur für Patienten, die keine weiteren Probleme haben. Eine solche Schiene schützt vor starkem Abrieb, z. B. wenn Leute wegen stressiger Phasen nur kurzzeitig knirschen.


Schritt 9: Kontrolle

Die Schiene wird in der Regel nachts getragen. Neigt der Patient auch tagsüber dazu, zu pressen oder zu knirschen, kann sie auch tagsüber getragen werden.

Nach wenigen Tagen erfolgt bereits die erste Kontrolle: Sehen die Zähne gut aus? Gibt es Verspannungen? Kopfbeschwerden, Schwindel, Nackenschmerzen oder Ähnliches? Alle Tests werden erneut durchgeführt. Dabei wird ermittelt, ob die Schiene nachgeschliffen werden muss. Generell müssen wir die Schiene solange anpassen, bis alle Muskeln wieder richtig funktionieren.

Im Idealfall sollte der Patient sich deutlich besser und entspannter fühlen.


Ursachenbehebung liegt in deiner Hand


Die Schiene kann zwar akut und auch langfristig Beschwerden lindern, trotzdem behebt sie nicht die Ursache. Ich sage daher immer: Die Behandlung bei uns kann 20 % leisten, die restlichen 80 % hat der Patient selbst in der Hand.

Darum geben wir in der Praxis Tipps zu Stressreduktion, richtiger Haltung und und zur Verbesserung der Muskelkraft. Wichtig ist es, dass der Patient Bewegung in seinen Alltag integriert und seinen Schlaf optimiert.

Je besser die Statik, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Ungleichgewichte entstehen, die zu Kieferproblemen führen. Wichtig für uns Zahnärzte ist es, andere Fachärzte hinzuziehen, um andere Grunderkrankungen zu behandeln oder abzuklären.

Auch die Verdauung sollte optimal gepflegt werden, weil vor allem chronische Verdauungsprobleme einen enormen Einfluss auf die Kiefergesundheit haben.


Werde dein eigener Kiefer-Experte


Wenn man den Alltag in einer Zahnarztpraxis kennt, wird schnell deutlich, dass häufig gar nicht die Zeit da ist, den Patienten intensiv Schritt-für-Schritt zu begleiten und ihm all diese Maßnahmen mit auf den Weg zu geben. Wir sind hier als Ärzte leider zeitlich limitiert, selbst wenn wir eine Schiene auf Selbstkostenbasis erstellen.

Du musst selbst aktiv werden und etwas für seine Kiefergesundheit tun. Weil mich das Thema begeistert und ich allen Betroffenen mein umfangreiches Wissen weitergeben möchte, habe ich dazu einen Online-Kurs entwickelt. Ich begleite meine Patienten intensiv und persönlich 12 Wochen lang und unterstütze sie dabei, ihren Kiefer wieder in Balance zu bringen.

Du wirst zu deinem eigenen Kieferexperten. Du erhältst Wissen rund um den Kiefer, welchen Einfluss Kiefer und Zähne auf die Gesundheit haben und wie sie den Körper beeinflussen. Dazu gibt es Tipps, wie du Stress erfolgreich reduzierst und lernst Ayurveda als ganzheitliches Medizinsystem kennen. Dazu gibt es individuelle Ernährungstipps und spezielle Yoga-Übungen, um den Kiefer und gesamten Körper zu stärken und in Balance zu bringen.

Das Highlight: Das Modul mentales Training. Die Zusammenarbeit mit dem Unterbewusstsein ist wahnsinnig wichtig, wenn man Blockaden lösen und Beschwerden lindern möchte.


Weitere Infos zum Kurs findest du hier auf der Website.


Der nächste Kurs startet im August. Wenn du einmal reinschnuppern möchtest, mach mit beim kostenlosen Webinar und erfahre schon jetzt, wie du den Ayurveda spielend leicht in deinen Alltag integrieren kannst!


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